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Erstmals Kniescheibe komplett rekonstruiert

Kassel, 8. Juli 2016. Mit einer maßgeschneiderten Behandlung hat ein Chirurgenteam einer 51-jährigen Patientin dazu verholfen, wieder schmerzfrei laufen zu können, und dabei gleichzeitig medizinisches Neuland betreten. Prof. Dr. Goetz A. Giessler, Direktor der Klinik für Plastisch-rekonstruktive, Ästhetische und Handchirurgie im Klinikum Kassel, hat mit einem bayerischen Kollegen ein Verfahren zur kompletten Wiederherstellung der Kniescheibe aus körpereigenem, durchblutetem Knochenmaterial mit einem Prothesensockel entwickelt. „Dieses Verfahren ist weltweit beispiellos und noch nirgends in der Fachliteratur beschrieben“, so Prof. Giessler.

Elke B. aus der Wetterau hatte schon zahlreiche Knieoperationen und seit 16 Jahren links keine Kniescheibe (Patella) mehr. „Damit kam ich viele Jahre gut zurecht, bis wieder ein Dauerschmerz im linken Knie einsetzte. Wegen der Schmerzen und der fehlende Kniescheibe war ich unsicher beim Laufen, habe mich vieles nicht mehr getraut.“ Sie wandte sich an Prof. Dr. Christian Hendrich im Orthopädischen Krankenhaus Schloss Werneck (Bayern), der sich mit seinem befreundeten Kollegen Prof. Giessler in Verbindung setzte. Gemeinsam entwickelten die Chirurgen ein einzigartiges Verfahren, um Elke B. zu einem neuen Knie zu verhelfen.

„Der totale Gelenkersatz des Kniegelenkes (Knie-TEP) ist heute ein standardisiertes Verfahren. Probleme gibt es allerdings bei Patientinnen und Patienten, welche durch einen Unfall oder eine Infektion ihre Kniescheibe komplett verloren haben“, erläutert Prof. Giessler. „Sie leiden oft unter einem erheblichen Kraft- und Führungsverlust in dem betroffenen Bein.“ Daher war das Ziel der Mediziner, bei Elke B. mit dem Kniegelenksersatz auch eine neue Kniescheibe einzusetzen.

Zunächst berechnete Prof. Giessler die Form der benötigten Kniescheibe virtuell als Spiegelbild der gesunden Patella und fertigte mit Hilfe eines 3-D-Druckers ein Kunststoffmodell an. Damit ermittelte er, aus welchem Knochen sich am besten das Material für Elke B.s Ersatz-Kniescheibe gewinnen ließ. Die Wahl fiel auf die Schulterblattspitze. Dort setzte Prof. Giessler bei einer ersten Operation einen Gelenkflächensockel aus Titan ein, welcher in das Schulterblatt einheilte.

Anschließend erhielt die Patientin in Werneck ihre Kniegelenksprothese. In der dritten und aufwendigsten Operation - wieder im Klinikum Kassel - wurde der Gelenkflächensockel mit dem angewachsenen Knochenmaterial mikrochirurgisch von der Schulter ins Knie transplantiert – einschließlich des Gefäßstiels, der an die Oberschenkelgefäße angeschlossen wurde und so die Durchblutung der „neuen Kniescheibe“ ermöglicht. Zudem brachte Prof. Giessler mit seinem Team einen Gleitflächenersatz aus Teflon an.

Nach der dritten Operation war Elke B. zunächst auf den Rollstuhl angewiesen, weil sie die Schulter nicht belasten durfte und daher keine Unterarmgehstützen nutzen konnte. Inzwischen hat sie in der Reha auch Treppensteigen und Radfahren trainiert, kann ihr Knie wieder voll belasten und hat keine Schmerzen mehr. „Die drei Operationen waren natürlich eine Belastung. Aber die Steigerung an Lebensqualität war es wert. Es war eine Top-Zusammenarbeit zwischen den Ärzten und mir als Patientin, auch die Atmosphäre hat gestimmt. Ich habe die Entscheidung für die Eingriffe keine Sekunde bereut.“

Nach den Worten von Prof. Giessler stellt das aus drei Operationen bestehende Verfahren eine bisher weltweit einzigartige Kombination aufwendigster plastisch-mikrochirurgischer Verfahren und orthopädischer Gelenkendoprothetik dar. „Bisher konnten nur diejenigen Patienten einen Patella-Ersatz erhalten, bei denen zumindest noch ein Teil der Kniescheibe erhalten war. Mit unserer Methode lässt sich auch ausgewählten Patienten, bei denen die Patella ganz fehlt, eine Kniescheiben-Prothese einsetzen, um ihnen optimale Bewegungs- und Kraftergebnisse zu ermöglichen.

 
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