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Reha-Zentrum: Die Prothese denkt mit

Kassel, 16. Februar 2011. 14 Monate konnte sich Hans-Jürgen Rambis aus Wabern nur im Rollstuhl fortbewegen, litt ständig unter Schmerzen. Seit Kurzem kann er – noch mit Hilfe von Unterarmstützen - wieder gehen und sogar Stufen bewältigen. Der 47-Jährige gehört zu den wenigen Menschen in Deutschland, die eine neue Gattung von Beinprothesen erhalten haben. Die Besonderheit: Bei der Prothese wird zum einen die Kraft des künstlichen Beines über den Oberschenkelknochen übertragen und nicht – wie bei herkömmlichen Prothesen – über Haut und Muskeln. Zum anderen ist die Prothese computergesteuert und passt sich an Gang und Geschwindigkeit des Trägers an. Derzeit trainiert Hans-Jürgen Rambis regelmäßig im Reha-Zentrum der Gesundheit Nordhessen und ist zuversichtlich, spätestens im Sommer sicher ohne Stützen gehen zu können.

Bei einer herkömmlichen Beinprothese wird die Prothesenhülse auf den Oberschenkel aufgesetzt und umschließt diesen. Der Druck, der beim Aufsetzen des Fußes auf den Boden entsteht, wird über den Weichteilapparat weitergegeben und nicht, wie es der natürliche Weg ist, über den Knochen, erläutert Dr. Werner Brand, Geschäftsführer des Reha-Zentrums.  Bei Druckübertragung über die Haut ist die Koordination deutlich schwieriger, weshalb für Menschen mit einer Prothese kein gleichmäßiges Gangbild machbar ist. Bei der so genannten Endo-Exo-Prothesenhalterung wird hingegen die Prothese mit dem Oberschenkelknochen verbunden, indem ein Metallschaft in den Hohlraum des Knochens implantiert wird. Ist dieser eingewachsen, wird am unteren Ende des Schaftes das Anschluss-Stück für die Prothese angebracht. Durch die Kraftübertragung auf den Knochen wird eine bessere Koordination beim Gehen und somit mehr Sicherheit ermöglicht. Die dafür erforderliche Operation wurde deutschlandweit bisher 42 Mal ausgeführt, in Hessen lediglich in der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädische Chirurgie des Klinikum Kassel.

Noch sicherer wird das Gehen für Hans-Jürgen Rambis dank Computerunterstützung. So lassen sich unter anderem für das „Kniegelenk“ Bewegungsgrad und Dämpfung programmieren, um sich auf unterschiedlichem und auch unebenem Untergrund sicher bewegen zu können. Das Kniegelenk lernt zudem beim Gehen mit und passt sich beispielsweise an die Ganggeschwindigkeit an.

Mit der Wiederherstellung der Gehfähigkeit endet für Hans-Jürgen Rambis eine lange  Leidensgeschichte mit insgesamt 19 Operationen. Sie begann 1997 mit einem Unfall bei der Feuerwehr, bei dem sämtliche Bänder im Knie rissen und der Schienbeinkopf abgesprengt wurde. Trotz mehrerer Operationen konnte im Kniegelenk keine Stabilität mehr erreicht werden, so dass es schließlich versteift werden musste. Dann ein weiterer Unfall: Auf dem Weg zur Arbeit prallte ein Geisterfahrer in Hans-Jürgen Rambis‘ Auto, der sich dabei den Oberschenkel des ohnehin geschädigten Beines brach. Es folgten weitere Operationen, letztlich war das linke Bein gut fünf Zentimeter kürzer als das rechte. Dies führte im Laufe der Jahre zu heftigen Hüft- und Rückenschmerzen, der Patient musste zuletzt ständig starke Schmerzmittel nehmen.

Im Sommer 2009 reifte daher bei Hans-Jürgen Rambis der Wunsch nach einer Oberschenkelamputation. „Üblicherweise werden Oberschenkelamputationen nur nach Unfällen oder bei schweren diabetischen Durchblutungsstörungen notwendig“, so Dr. Brand, der als Oberarzt in der Klinik für Unfallchirurgie und Orthopädische Chirurgie des Klinikums die Operationen selbst durchführte. Wegen der starken Schmerzen entschlossen sich Patient und Ärzte zu der Amputation, die im November 2009 erfolgte. Zwei weitere Operationen waren für das Anbringen der Prothesenhalterung erforderlich, die letzte im November 2010. Seit Januar dieses Jahres trainiert Hans-Jürgen Rambis drei Mal pro Woche im Reha-Zentrum der Gesundheit Nordhessen mit Physiotherapeut Sven Lachmann. Die Entscheidung für die Amputation hat er nicht bereut: „Ich kann wieder gehen und ich muss keine Schmerzmittel mehr nehmen, das ist eine enorme Verbesserung der Lebensqualität.“ Er hofft, im Herbst wieder an seinen Arbeitsplatz bei der VW-Werkssicherheit zurückkehren zu können.

Die Knochen-gestützte Exo-Prothese kommt nur für Patienten mit guter Wundheilung in Frage, die zudem diszipliniert genug sind für die Pflege der Prothese (Reinigung zwei Mal täglich). Da der Aufwand für Implantation und Anpassung deutlich größer ist als bei einer herkömmlichen Prothese, werde sie auch künftig wohl vorwiegend bei Patienten zum Einsatz kommen, für die eine herkömmliche Prothese nicht geeignet sei, so Dr. Brand.

 
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